Warum eine berühmte Studie oft falsch verstanden wurde

Der Mythos vom Krafttraining: Macht es Ausdauersportler wirklich langsamer?

Viele Ausdauersportler glauben, Krafttraining schade der Ausdauerleistung. Der Ursprung dieses Mythos liegt in einer berühmten Studie aus den 1980er-Jahren – die oft falsch interpretiert wurde.

Pascal Mo.

Veröffentlicht am 09.03.2026

Der Mythos vom Krafttraining: Macht es Ausdauersportler wirklich langsamer?

In diesem Artikel

In vielen Lauf- und Ausdauersportkreisen hält sich ein hartnäckiger Gedanke:

Wer zu viel Krafttraining macht, wird langsamer.

Die Sorge dahinter ist klar:
Mehr Muskelmasse bedeutet mehr Gewicht, und mehr Gewicht könnte die Ausdauerleistung verschlechtern.

Deshalb verzichten viele Ausdauersportler bewusst auf Krafttraining oder integrieren es nur sehr vorsichtig in ihren Trainingsplan.

Doch dieser Gedanke hat einen Ursprung, der erstaunlich stark auf eine einzige Studie zurückgeht - und auf eine Interpretation, die sich über Jahrzehnte verselbstständigt hat.

Der Mythos: "Krafttraining macht Ausdauersportler langsamer"

Die Geschichte beginnt 1980 mit einer Studie von Robert C. Hickson zum sogenannten Concurrent Training, also zur Kombination von Kraft- und Ausdauertraining.

Das Experiment

In der Studie trainierten die Teilnehmenden zehn Wochen lang mit sehr hoher Belastung:

  • Krafttraining mehrmals pro Woche
  • zusätzlich intensives Ausdauertraining (Radfahren und Laufen)
  • Training an sechs Tagen pro Woche

Wichtig für die Einordnung: Das war ein sehr anspruchsvolles, dichtes Trainingssetup.

Die Ergebnisse

Die Resultate waren klar differenziert:

  • Eine reine Kraftgruppe steigerte die Kraft deutlich.
  • Eine reine Ausdauergruppe steigerte die Ausdauerleistung.
  • Die kombinierte Gruppe steigerte die Kraft zunächst, zeigte später aber eine Abschwächung der weiteren Kraftzuwächse.

Darauf basiert der Begriff "Interference Effect".

Die große Fehlinterpretation

Der ursprüngliche Befund lautete: intensives Ausdauertraining kann Kraftentwicklungen unter bestimmten Bedingungen begrenzen.

Daraus wurde über die Jahre jedoch oft eine andere Aussage gemacht:

Krafttraining verschlechtert die Ausdauerleistung.

Genau das war nicht die Kernaussage der Hickson-Arbeit.

Was moderne Forschung zeigt

Neuere Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen zeichnen ein differenzierteres Bild.

Bei sinnvoll integrierter Kraftarbeit zeigen sich bei Ausdauerathlet:innen häufig Vorteile bei:

  • Laufökonomie
  • Effizienz im Radsport
  • Time-Trial-Performance
  • neuromuskulärer Leistungsfähigkeit

Gleichzeitig zeigen viele dieser Arbeiten keine relevanten negativen Effekte auf VO2max und keine systematische Verschlechterung der Ausdauerleistung.

Warum Krafttraining sogar helfen kann

Der Nutzen entsteht oft weniger durch große Muskelmasse, sondern durch funktionelle Anpassungen wie:

  • höhere Maximalkraft
  • bessere Kraftentwicklungsgeschwindigkeit
  • effizientere Rekrutierung motorischer Einheiten
  • verbesserte mechanische Eigenschaften im neuromuskulären System

Für Ausdauerdisziplinen kann das die Bewegung ökonomischer machen.

Wann zusätzliche Masse ein Problem werden kann

Die Sorge ist nicht komplett unbegründet. Zusätzliche Masse kann im Laufsport nachteilig sein, wenn sie das Körpergewicht erhöht, ohne einen funktionellen Leistungsgewinn zu liefern.

Darum setzen viele Ausdauerathlet:innen im Krafttraining eher auf:

statt primär auf hypertrophieorientierte Bodybuilding-Strategien.

Ein Umdenken im Ausdauersport

Moderne Trainingskonzepte integrieren Krafttraining zunehmend als Leistungsbaustein, nicht nur als Verletzungsprophylaxe.

Das Ziel ist nicht "so leicht wie möglich", sondern:

möglichst leistungsfähig pro Kilogramm Körpergewicht.

Fazit

Der Mythos, dass Krafttraining Ausdauersportler grundsätzlich langsamer macht, geht stark auf eine verkürzte Interpretation früher Befunde zurück.

Die aktuelle Evidenz spricht eher dafür: Gut periodisiert und passend integriert ist Krafttraining für Ausdauerathlet:innen häufig leistungsfördernd oder zumindest nicht leistungsmindernd.

References

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